St. Michael
Entscheidungen
Morgens früh stehe ich vor dem Kleiderschrank: Was ziehe ich an? Ich treffe eine Entscheidung. Beim Bäcker: Belegtes Brötchen oder Croissant? Die nächste Entscheidung. Einfach zu treffen.
Später im Krankenhaus höre ich einem Mann zu, dessen Frau auf der Intensivstation liegt. Soll er einer Operation seiner Frau zustimmen? Ihr Leben würde verlängert, aber nicht verbessert werden.
Schwer. Furchtbar schwer manchmal.
St. Michael fällt mir ein, einer der Erzengel. Sein Name steht für Mut und Entschlossenheit, für das Helle, für das Lichtvolle. In der Kunst wird Michael oft mit einem Schwert im Kampf gegen den Drachen, gegen das Dunkle, Böse und Abgründige dargestellt. Das Schwert trennt das Gute vom Bösen, das Helle vom Dunkel, das Göttliche vom Abgründigen. Wenn das Schwert fällt, ist eine Entscheidung getroffen, scharf und klar.
St. Michael hat auch eine Waage. Die Ärzte füllen die Waagschalen mit ihren Behandlungsvorschlägen. Der Mann legt seine Gefühle dazu. Die Waage wiegt ab.
Ich spüre die Schwere. Das Ringen. Ich trage mit. Halte aus. Fühle mit. Worte. Trost vielleicht. Ein Gebet.
Irgendwann ist der Moment, in dem ich gehe. Ich verlasse die Schwere und versuche, wieder zu mir selbst zu kommen. Dabei spüre ich meine innere Waage. In der einen Schale liegt noch die Schwere, die ich mitgetragen habe, in der anderen Schale liegen meine innere Kraft, mein inneres Licht, mein in-Gott-geborgen-sein. Ich kann wieder wahrnehmen, weitergehen und mich neu öffnen.
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