Gottesglücksmoment
Der höchstgelegene Ort in meinem Krankenhaus in St. Georg ist der Raum der Stille. Er liegt in der 9. Etage. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt. In manchen Momenten fühle ich mich hier dem Himmel nah. Nach intensiven Seelsorgegesprächen zwischen piepsenden Monitoren und Visiten tut es gut, zur Ruhe zu kommen und durchzuatmen.
Oft bin ich dort nicht allein. So auch neulich. Auf einem Stuhl sitzt Herr R. Er ist in Begleitung seines Infusionsständers, in der Hand hält er einen Pappbecher mit Kaffee. Geduldig versucht er, den Becher in eine der Halterungen des Infusionsständers zu bugsieren. Ein hoffnungsloses Unterfangen.
„Heute ist mein Glückstag", empfängt er mich und lächelt. „Das ist der erste Kaffee, den ich mir nach meiner Operation selber am Automaten geholt habe. Ich teile ihn gerne mit ihnen!" Ich lehne lachend ab, setze mich zu ihm und wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir von seiner Krebsdiagnose und der anschließenden Operation, von der bevorstehenden Chemotherapie und seiner Angst vor der Zukunft. Wie wird es weitergehen? Wieviel Lebenszeit bleibt noch? Und gibt es überhaupt Hoffnung? Nach einer guten halben Stunde ist sein Kaffee kalt geworden. „Ach, was soll's", meint er trocken, „kalter Kaffee macht schön. Das macht doch irgendwie Hoffnung für die Zukunft…"
Diese Begegnung ist mir nachgegangen und ich dachte: Vielleicht ist es das, was die Bibel mit Shalom beschreibt– den greifbaren allumfassenden Frieden und Segen; das Gefühl, dass dieser Moment genau so richtig ist, wie er ist. Was für ein Gottesglücksmoment, einander wahrzunehmen, gegenseitig offen zu sein und sich einzulassen. Leben zu teilen. Zu spüren, dass man sich im Gespräch etwas zu sagen hat. Miteinander zu lachen und Leichtigkeit zu spüren – auch im Krankenhaus.
Glück ist kein Ziel, das ich erreiche, wenn alles perfekt ist. Glück finde ich mit offenen Augen, Ohren und Herzen überall auf dem Weg.
Ich wünsche Ihnen unzählige unverhoffter Glücksmomente und Gottes Segen auf Ihrem Weg.
Ihre Pastorin
Elisabeth Kühn
Asklepios Klinik St. Georg, Hamburg
Fotos: pixabay
Kommentare