Was ist die Seele?
Gedanken anlässlich der Einführung als Krankenhausseelsorgerin
Seit ich als Krankenhausseelsorgerin arbeite, denke ich darüber nach, was es bedeutet, für die Seele in einer Einrichtung wie dem Krankenhaus zu sorgen. Was ist die Seele?
Ich denke an eines meiner Lieblingsgedichte von Joseph von Eichendorff, Mondnacht. Da heißt es:
"Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus."
Was für eine wunderbare Sprache und Poesie liegt in diesen Worten. Und eine Erkenntnis:
Die Seele hat etwas Vogelhaftes; sie kann fliegen.
Ich erlebe im Krankenhaus, was es bedeutet, wenn eine Seele nicht fliegen kann, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät.
So haben mir Eltern auf der Frühgeborenenstation erzählt, wie schweren Herzens sie ihre Kinder allein lassen, wenn sie nach Hause gehen.
Angehörige auf Intensivstationen, die stellvertretend für ihren Patienten eine schwierige Entscheidung treffen sollen, erzählen mir, wie hin-und hergerissen ihre Seelen sind.
Ich empfinde es als besonderes Geschenk, wenn ich glückliche Momente miterleben darf, in der eine Seele sich froh in die Lüfte schwingt. Wenn mir z.B. eine 80jährige Patientin von ihrem Traum erzählt, noch einmal einen Gleitschirmsprung zu wagen.
Die Seele weist mit ihrem Vogelhaften über sich hinaus auf den Geist Gottes. Als Jesus sich taufen ließ, öffnete sich der Himmel und der Geist Gottes kam in Gestalt einer Taube herab und eine Stimme sagte:
"Das ist mein geliebter Sohn."
Wir sind geliebte Kinder Gottes: einzigartig, würdevoll und wertvoll, so wie wir sind -in unserer ganzen Verletzlichkeit, trotz OP-Wunden, trotz Krankheit. Darum geht es im Krankenhaus: die Würde der PatientInnen genauso wie die Würde der Mitarbeitenden zu sehen und zu stärken. Wenn davon etwas in der Seelsorge erfahrbar wird, dann kann unsere Seele fliegen.
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