Wunder?!
Es gibt Ereignisse, bei denen ich nur sprachlos staunen kann und mich noch Jahre später frage: "War das ein Wunder?"
Ich möchte von einem Patienten erzählen. Als ich ihn in dem Krankenhaus, in dem ich zu der Zeit arbeitete, kennenlernte, konnten wir noch normal miteinander sprechen. Er hatte eine seltene, fortschreitende Erkrankung. Innerhalb weniger Tage wurde er immer schwächer, bis er sogar Unterstützung beim Atmen brauchte. Bald konnte er nur noch leicht die Augen bewegen, um kaum merklich ja und nein anzudeuten. Einige Wochen dauerte diese Situation an.
Als Seelsorgerin war ich in der Zeit mit der Ehefrau im Kontakt. Mehrere Male saßen wir in meinem Büro und sie fragte mich: "Darf ich noch an Wunder glauben? Ist es realistisch, auf Besserung zu hoffen oder ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen?" Die Familie hat den Patienten fast täglich besucht und auch ich war bei ihm und versuchte, mit Worten und Bildern etwas Licht in seine Gedanken zu bringen.
Die Situation erschien mir als medizinischem Laien zunehmend aussichtslos. Aber die Ärztinnen und Ärzte behandelten weiter. Und dann änderte sich etwas. Es war kein plötzlicher Durchbruch, eher eine ganz leichte Besserung. Er wurde in eine spezialisierte Reha-Einrichtung verlegt und von da an verlor sich der Kontakt zu Patient und Ehefrau.
Bis an einem Nachmittag anderthalb Jahre später das Telefon klingelte und die Ehefrau sich wieder meldetet: "Stellen Sie sich vor: Mein Mann hat vorige Woche unsere Tochter bei ihrer Hochzeit in die Kirche geführt!" Ich war sprachlos. Das war doch ein Wunder, oder? Wir waren uns beide sofort einig.
In den Gesprächen mit der Ehefrau ging es in der kritischen Phase immer um dieselbe Frage: "Hat es noch Sinn, an der Hoffnung festzuhalten?" Doch Aufzugeben war für sie keine Option. Woher hätte sie dann die Kraft nehmen sollen, weiterhin fast täglich ins Krankenhaus zu fahren, wenn sie die Hoffnung aufgegeben hätte?
Vielleicht ist es genau das: An Wunder zu glauben, kann manchmal das einzig Sinnvolle sein. Nicht, weil ich mir ein Wunder herbeiwünschen könnte, sondern weil ich in Momenten der Ohnmacht etwas brauche, das mich trägt. Etwas, das mich daran erinnert, dass das Leben manchmal Wege geht, die ich nicht verstehe.
Ich weiß also nicht, ob es ein Wunder war oder ein medizinischer Erfolg. Aber ich weiß, dass dieser Mann ins Leben mit seiner Familie zurückgekehrte. Seine Geschichte erinnert mich daran, dass die Kraft der Hoffnung manchmal stärker ist als alle Logik. Vielleicht ist diese Kraft sogar das eigentliche Wunder.
Übrigens: In der Bibel gibt es zahlreiche Geschichten, in denen Menschen Jesus um Heilung bitten und er für sie tatsächlich Wunder vollbringen konnte, z.B. im Johannesevangelium 4, 46-53. Dort heilt Jesus den Sohn eines römischen Hauptmannes. Manchmal wünschte ich mir diese Vollmacht, die nur Jesus hatte.
Und Sie? Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Wunder hören? Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie schon positiv vom Leben überrascht wurden.
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