Zwei Seiten, manchmal mehr
Konfliktgespräch aus Sicht eines Seelsorgers
Zwei Seiten.
Manchmal mehr.
Ein Medikament, das gegeben werden soll – oder nicht.
Ein Eingriff. Ein Knopf – gedrückt oder nicht.
Eine Entscheidung, bei der es um alles geht.
Aber oft geht es nicht nur um die Maßnahme.
Sondern um das, was darunter liegt.
Hinter der Wut ist manchmal Angst.
Hinter dem Widerstand ist manchmal Ohnmacht.
Ich erlebe Angehörige, die ringen mit Verantwortung.
Mit Schuld. Mit dem Gedanken, etwas falsch zu machen.
Ich sehe Ärzt:innen und Pflegende, die in einem System arbeiten,
das auf Heilung optimiert ist –
aber mit der Grauzone des Lebens konfrontiert wird.
Mit Grenzen. Mit Ethik. Mit Schmerz.
Aber das System gibt keinen Platz für Barmherzigkeit.
Und ich sitze dazwischen.
Nicht als Anwalt. Nicht als Richter.
Sondern als Dritter im Raum.
Nicht für meine Meinung – selbst wenn ich eine habe.
Das auszuhalten ist für mich die Königsaufgabe.
Und ja – manchmal enttäuscht es.
Weil sich manche jemanden wünschen, der:die für sie Partei ergreift.
Der:die mit ihnen kämpft.
Oder sich gegen die anderen stellt.
Stattdessen bin ich meistens
still, höre zu –
und frage mich, wieviel von der Überforderung im Raum eigentlich meine ist.
Und manchmal, wenn der Druck nachlässt:
mit ein paar Worten, die etwas öffnen. 🗝️
Seelsorge ist ein Raum,
in dem auch das Aushalten Platz hat.
Das Unklare. Das Widersprüchliche.
Die Angst. Die Verantwortung.
Es geht nicht darum, wer Recht hat.
Sondern darum, wer gehört wird.
Was wirklich gemeint ist.
Was eigentlich fehlt.
Und am Ende?
Bin ich oft müde.
Ein bisschen leer.
Aber ich gehe mit der Hoffnung,
dass es getragen hat.
Dass es etwas verändert hat.
Dass es nicht umsonst war.
✨ Und fast immer ist es auch so.
Ole Kosian ist auch digital für Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen da. Hier finden Sie den Link zu seinem Online-Seelsorgeraum, wo Sie sich registrieren und mit ihm in Seelsorge-Kontakt treten können.
Kommentare